Erfahrungsbericht Dàodéjīng-Ausbildung

Das 道德經 (Dàodéjīng) muss man hier wohl nicht groß einführen. Die 81 Strophen, die der “Alte Meister” (Lǎozi 老子) angeblich hinterlassen hat, als er auf seine alten Tage in die westlichen Berge davonritt, gehören zu den meistzitierten Schriften der Welt und bieten gerade dem 太極拳 (Tàijíquán) Unterrichtenden einen wertvollen Fundus an geheimnisvollen Sprüchen, mit denen sich Schüler beeindrucken lassen.

Bei genauerem Hinsehen stellt sich dann heraus, dass diese Sprüche nicht nur geheimnisvoll klingen, sondern tatsächlich immer mehr Geheimnisse preisgeben, je tiefer man in den Text eindringt. Von der Regierungskunst über die “Lebenspflege” bis hin zu konkreten Übungsanweisungen für unsere Lieblingskampfkunst lassen die Verse des Alten Meisters auf vielen verschiedenen Ebenen spannende und erhellende Interpretationen zu, die geradezu danach schreien, sofort auch in der Praxis eingeübt zu werden (was die Regierungskunst angeht, warte ich noch auf die passende Gelegenheit…).

Genau das ist der Ansatz von Meister Jans Ausbildung im Rahmen des “Institute of Daodejing Studies” (IDS). Theoretische Einheiten zu historischem Kontext, Inhalt, Bedeutung und den wichtigsten chinesischen Schriftzeichen des Dàodéjīng wechseln sich mit praktischen Einheiten ab, während derer die neu- oder wiedergewonnenen Einsichten in Übungen zum Beispiel aus dem Chén-Stil umgesetzt werden sollen.

Wer Glück, bzw. früh gebucht, hatte, konnte den ersten Teil dieser Ausbildung letztes Jahr im Kloster St. Honorat auf Mallorca miterleben. Der Berg Randa, auf dem das Kloster liegt, blickt auf eine lange Tradition des Pluralismus zurück: Bereits im 13. Jh. lebte hier der seliggesprochene Mystiker Ramon Llull, der die essentielle Einheit der damals bekannten Religionen lehrte. Heute zeigt uns auf demselben Berg Meister Jan, welchen praktischen Gewinn wir christlich-abendländisch geprägten Menschen aus den kryptischen Worten des alten daoistischen Meisters ziehen können. In der wundervoll friedlichen Atmosphäre des Klosters, mit sagenhafter Aussicht über die Küstenebene Mallorcas (und großartiger Verpflegung, denn “er leert ihre Herzen und füllt ihren Leib”*), kann man sich so gut auf diese Lehren einlassen wie wohl an kaum einem anderen Ort in Europa.

Dies ist also der ideale Lehrgang für alle, die schlaue Sprüche nicht nur klopfen, sondern auch in chinesischen Schriftzeichen hinpinseln können wollen, für alle, für die Tàijíquán auch etwas mit Meditation zu tun hat, für alle, die, “wenn des Himmels Pforten sich öffnen und schließen, wie eine Henne sein”* wollen, für alle, die die Ruhe in der Bewegung und die Bewegung in der Ruhe suchen, aber auch für jeden, der gern mal eine Woche lang in idyllischer Umgebung entspannt in sich gehen möchte.

Doch da “der SINN (Dào), der sich aussprechen läßt, … nicht der ewige SINN”* ist, können auch diese Worte nur wie der sprichwörtliche Finger auf den Mond zeigen: Am besten, man kommt nächstes Jahr mit auf Mallorca und schaut es sich selbst an!

Lothar Birke

* Dàodéjīng, Übersetzung Richard Wilhelm

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